Mannheimer Manifest zum Musiktheater für Kinder

I.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder erschließt neue Publikumsschichten.

Die Theater in Deutschland sehen sich gegenwärtig vor der Herausforderung, zeitgemäße Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, um neue Publikumsschichten außerhalb des traditionellen Opernpublikums zu erreichen. Eine Strategie ist dabei der Aufbau eines modernen Musiktheater-Spielplans für Kinder und Jugendliche, um einer neuen Zuschauergeneration die komplexe Kunstform Musiktheater in ihren zeitgenössischen Ausprägungen nahe zu bringen. Denn Kinder haben ein Recht auf Teilhabe an Kunst und Kultur.

II.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder muss eine lebendige und an der Gegenwart orientierte Kunstform sein.

Referenz für ein zeitgenössisches Musiktheater für Kinder kann jedoch nicht die traditionelle Oper sein. Deren Werke des klassisch-romantischen Repertoires aus dem 18. und 19. Jahrhundert haben kaum Bezug zur aktuellen Lebensrealität und dem Erfahrungshorizont von Kindern. Die gegenwärtig verbreiteten Bearbeitungen solcher Opern für Kinder lösen die werkimmanenten und gattungskonstituierenden musikalischen Strukturen der Werke auf. Nur ein zeitgenössisches Kindermusiktheater kann an den Erfahrungen der Kinder anknüpfen und in neuen Werken experimentelle Erzählweisen und zeitgenössische Klangsprachen entwickeln.

III.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder kann nur im gleichberechtigten Zusammenwirken aller Künste entstehen.

Die multimediale Dimension des Musiktheaters erfordert das gleichberechtigte Zusammenwirken aller Künste. Text, Musik und Szene müssen in ihrer formalen Autonomie offen sein für die jeweils anderen Ausdrucksformen in deren Zusammenwirken erst die Aufführung entstehen kann. Das erfordert einen projektorientierten Produktionsprozess, in dem Librettisten, Komponisten, Regieteam, Darsteller, Musiker und Musiktheaterpädagogen von Anfang an gleichberechtigt zusammenarbeiten. Die teamorientierten Strukturen eines freien Theaters entsprechen dem Projektcharakter mehr als die hierarchisch organisierten arbeitsteiligen Strukturen eines deutschen Stadttheaters. Neue ästhetische Formen erfordern jedoch auch die Entwicklung von tauglichen Produktionsstrukturen an den Stadttheatern.

IV.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder braucht flexible Produktionsstrukturen.

Die derzeitigen Strukturen des Opernbetriebs stehen der Entwicklung eines zeitgemäßen Kindermusiktheaters entgegen. Deshalb müssen an den Theatern flexible Produktionseinheiten mit angemessener finanzieller Ausstattung geschaffen werden.
  1. Die Leitung der Sparte Junge Oper muss einem Kreativteam übertragen werden, in dem die Arbeitsfelder der künstlerischen Leitung, der musikalischen Leitung, der Projektleitung, der Dramaturgie und der Musiktheaterpädagogik angemessen personell ausgestattet sein müssen.
  2. Die Sparte Junge Oper muss über ein eigenes Budget verfügen.
  3. Die Sparte Junge Oper braucht Aufführungsräume, welche die unterschiedliche räumliche Anordnung von Bühne und Zuschauern zulassen und den Ausdrucksformen des modernen Musiktheaters gemäß sind.
  4. Die Erfordernisse der Sparte Junge Oper müssen in der Disposition des Proben- und Aufführungsbetriebs an den Theatern gleichberechtigt mit denen der anderen Sparten beachtet werden.
  5. Die tarifvertraglichen Regelungen, insbesondere für Orchestermusiker, müssen so gestaltet werden, dass sie den Anforderungen eines zeitgenössischen Musiktheaters für Kinder gerecht werden.
Dafür tragen die Intendanten besondere Verantwortung.

V.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder kann von den Erfahrungen des Kinder- und Jugendtheaters profitieren.

Die Erfahrungen des Kinder- und Jugendtheaters mit seinem Publikum und mit der Entwicklung diesem Publikum adäquater Theaterformen müssen für die Gestaltung eines modernen Musiktheaters für Kinder nutzbar gemacht werden. Vor allem das im Kinder- und Jugendtheater entwickelte Vermittlungskonzept des kompetenten und kreativen Zuschauers kann bei der Entwicklung eines Musiktheaters für Kinder gute Dienste leisten. Die Zusammenarbeit von Künstlern des
Kinder- und Jugendtheaters mit Opernsängern, Orchestermusikern, Musiktheaterpädagogen und anderen Künstlern des Musiktheaters in gemeinsamen Produktionen ermöglicht den künstlerischen Austausch und vermittelt einen Einblick in die künstlerischen Herausforderungen und kreativen Möglichkeiten der Theaterarbeit für Kinder.

VI.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder kann nur im stetigen künstlerischen Austausch der Macher entstehen.

Das Mannheimer Symposium hat eindrucksvoll gezeigt, an wie vielen Orten, unter welch unterschiedlichen Bedingungen und in welch vielfältigen Ausprägungen das Musiktheater für Kinder in Deutschland bereits existiert. Die Entwicklung dieser Landschaft und die Integration des fachlichen und künstlerischen Austauschs in den Fachdiskurs des Kinder- und Jugendtheaters setzen eine stärkere Vernetzung der Akteure des Musiktheaters für Kinder voraus. Die ASSITEJ Bundesrepublik
Deutschland e.V. und das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland sehen sich in der Verantwortung, einen wesentlichen Beitrag zur aktiven Vernetzung und zur Koordinierung des fachlichen und künstlerischen Austauschs zu leisten. Bereits bestehende nationale und internationale Netzwerke müssen dabei partnerschaftlich beteiligt werden.

VII.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder braucht Förderstrukturen und Expertentum.

Das künstlerische Profil eines modernen Musiktheaters für Kinder kann nicht durch fortwährende Bearbeitung von Werken des Opernrepertoires geprägt werden, sondern muss durch neue Werke gestaltet werden. Die Entstehung neuer Stücke und die unterschiedlichen Inszenierungen dieser Stücke müssen angeregt, unterstützt und aktiv gefördert werden. Hier kommt vor allem den Verlagen eine besondere Verantwortung zu, gemeinsam mit den Akteuren an deren Erfordernissen und den Entstehensbedingungen ausgerichtete Anreize und Förderstrukturen zu schaffen. Impulse für die künstlerische Arbeit können aber auch die Kinder- und Jugendtheaterfestivals geben, die sich immer auch als Orte fachlicher und künstlerischer Auseinandersetzung begreifen müssen. In der Ausbildung von Sängern, Musikern, Komponisten und Theaterpädagogen müssen Chancen und künstlerische Herausforderungen des modernen Musiktheaters für Kinder vermittelt werden. In der Musiktheaterpädagogik muss eine dem zeitgenössischen Musiktheater für Kinder gemäße Methodik entwickelt werden. Freie Theater müssen durch angemessene Förderung in die Lage versetzt werden, den komplexen Anforderungen der Produktion und Aufführung des Musiktheaters für Kinder gerecht zu werden.

VIII.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder kann Brücken schlagen.

Das künstlerische Selbstverständnis des modernen Musiktheaters für Kinder als naher Verwandter der Oper zeigt sich darin, dass es gleichzeitig künstlerischer Gegenentwurf zur Oper und notwendiges Bindeglied zwischen Tradition und Moderne des Musiktheaters ist. Als besondere Form der Kunst und als Vermittlungskunst schlägt es auch die Brücke zur kulturellen Bildung von Kindern, denen mit welthaltigen Geschichten, zeitgenössischer Klangsprache und kreativer Erzählweise neue Welten geöffnet werden.
Mannheim, November 2009
Die Veranstalter des Ersten Symposiums zum zeitgenössischen Kindermusiktheater „Welches Musiktheater brauchen Kinder?“ vom 5. bis 7. November 2009 am Nationaltheater Mannheim:

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2 Responses to “Mannheimer Manifest”


  1. 1 Dr. Reinhard Knof 29. Juni 2010 um 13:13

    Bildung und Kultur bilden in der Entwicklung der Kinder eine Einheit. Die bisherigen Aufführungen der kurzerhand liquidierten ‚Musicalklasse‘ der Kreismusikschule Plön hatten eine hohe Qualität und stellten für die Kinder ein unvergleichliches Erlebnis dar. Nachdem der Kreistag in seiner Satzung eine Gebühr für die Teilnahme an der Musicalklasse ablehnte, dann den fehlenden Beitrag als Argument für die Auflösung unmittelbar vor Beginn der Vorführungen des seit Monaten einstudierten aktuellen Stückes ‚Ausgetickt‘ nutzte, stellt sich wieder einmal die Frage, wie mit unseren Kindern umgegangen wird. Weder mit den Kindern noch mit den Eltern wurde von Seiten des Kreises oder der Kreismusikschule das Gespräch gesucht; die Entscheidung wurde leider über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen. Das vom Kreis vorgebrachte Argument der fehlenden Gebühren ist unredlich, denn die Satzungshoheit liegt alleine beim Kreis. Dort liegt deshalb auch die volle Verantwortung für diesen unglaublichen Vorgang.
    Wie engagiert die Eltern für den Fortbestand des Musiktheaters eintreten kann an der schnellen Gründung des Vereins abgelesen werden. Hoffentlich besinnen sich Kreis und Kreismusikschule doch noch und vernichten nicht mutwillig dieses so erfolgreiche und für die Kinder so wichtige Ensemble.


  1. 1 “Mannheimer Manifest” jetzt online « Musiktheater für Kinder Trackback zu 15. April 2010 um 08:19

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